Mobbing

Mein Vater macht sich gerade noch mal selbständig und es ist spannend, die Schritte zu sehen, die dabei bewältigt werden müssen. Von der Werbung angefangen, bis zum neuen Steuerbüro, Existenzgründerzuschüsse und Businessplan. Was aber noch mehr Energie nimmt, ist der Umstand, dass er seine vorige Stelle nach fast einem viertel Jahrhundert aufgegeben hat, weil er gemobbt wurde. Nach fast einem Jahr sind die Entwürdigungen, Schikanen und nächtlichen Telefonanrufe immer noch Thema und fesseln ihn. Dazu aktuell:
In einer Kolumne der Zeit stellt eine betroffene Leserin die Frage, welche Konsequenzen die Kündigung wegen Mobbings mit sich bringt.

Bis diese Frage gestellt wurde, ist schon eine Menge schief gelaufen. Allein die persönlichen Konsequenzen sind beachtlich: Angst vor dem Büro, vorm nächsten Telefon klingeln, das Gefühl, allein zu kämpfen und die Angst, benachteiligt zu sein und von wichtigen Prozessen abgeschnitten zu werden. Stress vom Schreibtisch, der sich zuhause in der Familie entlädt, Bluthochdruck, Schlafprobleme. Viele Mobbingopfer weisen nach gewisser Zeit eindeutige Symptome einer depressiven Erkrankung auf, die Therapiebedürftig ist.
Auch wirtschaftlicher Schaden droht: Mobbing kann sich kein Unternehmen leisten. Wenn Leistungsträger von Informationen abgehalten werden, drohen teuere Fehlentscheidungen. Für ein Team ist die Situation tödlich, weil Angst herrscht. Sie frisst jede Kommunikation, Vertrauen untereinander, Austausch, Kreativität und Leistungsbereitschaft über den Arbeitsauftrag hinaus.

Also: Wer muss im Vorfeld etwas tun und was bleibt dem Opfer an Möglichkeiten?

In einer Broschüre der Bundesagentur für Arbeit und Soziales heisst es: „Der Arbeitgeber hat die Pflicht, das Persönlichkeitsrecht und die Gesundheit seiner Arbeitnehmer zu schützen. Er muss daher Mobbing unterbinden, gegen mobbende Arbeitnehmer vorgehen und alles tun, um Mobbing in seinem Unternehmen zu verhindern.“ Aus meiner Sicht und aus Erfahrungen meines Bekanntenkreises scheint allein schon dieser Auftrag fragwürdig ausgeführt zu werden. Ich kenne viele Vorgesetzte, die sich nicht die Finger schmutzig machen wollen, oder denen die Kompetenz fehlt, um auf die Missstände einzugehen. Die Unternehmen selbst sind gefragt: Nicht nur die Personal- und Organisationsverantwortlichen müssen für das Thema sensibilisiert und geschult sein, um möglichst frühzeitig und präventiv einzugreifen. Die gesamte Belegschaft braucht umfassende Informationen. Es muss klar sein, dass Mobbing kein Kavaliersdelikt ist und von Seiten der Arbeitgeber nicht geduldet wird. Eine offene Struktur, in der jeder die Möglichkeit hat, sich auszutauschen, Kommunikation gefördert wird kann verhindern, dass aus alltäglichen Konflikten Mobbing-Fälle werden.

Das Universitätsklinikum Heidelberg, Sektion Psychotraumatologie, hat eine Onlineumfrage gestartet, die klären soll, inwieweit Erfahrungen aus früheren Lebensphasen (Kindheit, Adoleszenz) die Wahrscheinlichkeit erhöhen, später ein Mobbing-Opfer zu werden. Die Fragen werden anonym behandelt und machen die Reichweite und den Blick klar, was unter Mobbing fällt und man selbst schon ein Opfer ist.

Und als Opfer? Nicht jedem ist die Kompetenz gegeben, Mobbing direkt anzusprechen. Holen Sie sich Unterstützung bei Kollegen, Ihrem Vorgesetzten oder der nächst höheren Hirarchieebene. Auch der Betriebs- oder Personalrat ist eine Anlaufstation. Versuchen sie nicht, die Anfeindungen auszusitzen: die täglichen Beeinträchtigungen im Privat- und Arbeitsbereich sind es nicht wert. Erste Hilfe und weitere Anlaufstationen finden Sie in der erwähnten Broschüre der Bundesagentur für Arbeit und Soziales.

Bundesagentur für Arbeit und Soziales: Mobbing
Bürgerinitiative gegen Mobbing
Schüler-Mobbing
Die Zeit- Kolumne zum Arbeitsrecht

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